22. Juli 2026

Composable oder monolithisch? Wie moderne digitale Architekturen wirklich gebaut werden

Laut Gartner werden bis Ende 2026 mindestens 70 Prozent der Unternehmen Composable-Technologien einsetzen. Was das konkret bedeutet, wie der Weg dorthin aussieht und warum Governance dabei wichtiger ist als die Technologiewahl selbst.

Abstrakte 3D-Illustration eines Chips inmitten modularer Würfel-Elemente und leuchtender Schaltkreise – Sinnbild für composable Architektur.

Composable ist keine Technologiefrage

Irgendwann kommt dieser Moment. Auf Ihrer digitalen Plattform soll sich eine Kleinigkeit ändern. Ein neues Zahlungsmittel im Shop, eine zweite Sprache, ein schneller Landingpage-Test für die Kampagne nächste Woche. Und aus einer Kleinigkeit wird ein Großprojekt. Freigaben, Release-Zyklus, Wartezeit. Nicht weil Ihr Team zu langsam ist oder Ihre Agentur schlecht arbeitet. Das System wurde einfach nie dafür gebaut.

Oder der andere Moment. Ihr Plattformanbieter erhöht die Lizenzgebühren. Sie zahlen, weil der Ausstieg teurer wäre als die Erhöhung. Genau darauf ist das Preismodell gebaut.

Zwei verschiedene Momente, dieselbe Ursache. Ihr System ist ein Monolith. Alles aus einer Hand, alles fest verzahnt, alles zentral. Für viele Jahre hat sich diese Entscheidung bewährt. Bis die Technologie schneller wird als der nächste Release-Zyklus.

Die Frage ist damit nicht mehr, ob Ihr System stabil läuft. Die Frage ist, ob es sich schnell genug verändern lässt.

Das Lego-Versprechen

Für die Alternative gibt es einen Namen: Composable. Statt einer geschlossenen Plattform aus einer Hand setzen Sie einzelne, austauschbare Bausteine zusammen. Content, Suche, Commerce, Personalisierung, jeweils eigenständig und über Schnittstellen verbunden. Brauchen Sie eine neue Suche, tauschen Sie die Such-Komponente. Ohne die ganze Plattform anzufassen.

In der Fachwelt heißt dieses Prinzip MACH. Dahinter steckt eine simple Idee: kleine, unabhängige Dienste, die über offene Schnittstellen zusammenspielen, statt in einem festen Block zu stecken. Das Fundament dafür liefert oft Open Source. Ein System wie Drupal etwa gibt Inhalte über Schnittstellen an beliebige Kanäle aus und macht Sie unabhängig von den Lizenzen und dem Fahrplan eines einzelnen Anbieters.

Warum das gerade jetzt zum Thema wird, hat einen einfachen Grund. Ihre Inhalte müssen heute überall funktionieren, auf der Website, in der App, im Newsletter, im Showroom. Und die offenen Standards dahinter sind reif genug, dass Sie dafür kein großes Entwicklungsteam mehr brauchen.

So weit das Versprechen. Und es ist real. Gartner erwartet, dass bis Ende 2026 rund 70 Prozent der Unternehmen auf Composable-Technologien setzen.

Composable klingt damit wie Lego. Frei kombinierbar, jederzeit austauschbar. Nur kommt Lego mit einer Anleitung und einer festen Kiste. Ihr digitales Ökosystem nicht. Den Bauplan müssen Sie selbst schreiben.

Baukasten ohne Bauplan

Denken Sie an Ihren eigenen Marketing-Stack. Ein Tool für den Newsletter, eins für Landingpages, eins für Analytics. Jedes von einem anderen Team eingeführt, jedes für sich angebunden. Am Ende steht ein System aus Insellösungen, kein Motor, der rund läuft.

Bei Composable droht dasselbe, nur eine Stufe tiefer. Die Freiheit, jeden Baustein einzeln zu wählen und jederzeit zu tauschen, klingt gut. Einer nach dem anderen kommt dazu, jeder gut begründet. Nach einem Jahr laufen fünfzehn Dienste, und niemand hat je entschieden, welches System dabei eigentlich entsteht. Diesmal nicht bei einzelnen Marketing-Tools, sondern in der Plattform, auf der Ihr ganzes Geschäft läuft. Und dort ist es ungleich teurer, das wieder zu ordnen.

Die größte Falle beim Wechsel ist deshalb nicht die Technik. Es ist die fehlende Governance. Wer viele spezialisierte Dienste betreibt, braucht klare Antworten: Wer darf etwas hinzufügen? Wie werden Abhängigkeiten dokumentiert? Wer hält die Bausteine aktuell?

Und genau hier zeigt sich, was diese Entscheidung wirklich ist. Ob composable oder Monolith, das ist keine IT-Frage. Es ist eine Führungsentscheidung. Sie bestimmt, wie schnell Sie auf den Markt reagieren und wie unabhängig Sie von einem einzelnen Anbieter bleiben. Governance ist der Hebel, mit dem Sie festlegen, ob aus Freiheit Tempo wird oder Wildwuchs. Diesen Hebel delegiert man nicht nach unten in die IT.

Die Wahl einer Composable-Architektur ist nicht nur eine Technologieentscheidung. Sie ist eine Organisationsentscheidung. Wer das ignoriert, tauscht einen Monolithen gegen ein verteiltes Chaos.

Stephan Huber, Managing Partner Factorial

Wann sich der Wechsel lohnt

Nicht jede Organisation braucht das. Wer eine überschaubare Website mit stabilem Inhalt betreibt, fährt mit einem gut gepflegten Monolithen oft günstiger. Zunächst. Bis der Markt eine Beweglichkeit verlangt, die das System nicht mehr hergibt.

Seinen Wert entfalten composable Architekturen dort, wo echte Flexibilität zählt. Bei mehreren Marken, Märkten oder Kanälen. Bei Plattformen, die sich schnell verändern müssen. Bei Unternehmen, die ihre Abhängigkeit von einem einzelnen Anbieter senken wollen.

Der klügste Einstieg ist selten der große Wurf. Lösen Sie einen Bereich heraus, der am meisten unter dem alten System leidet, etwa Suche, Content oder Commerce, und betreiben Sie ihn parallel. Funktioniert er, haben Sie eine belastbare Grundlage für den nächsten Schritt. Und einen Beweis, den Sie intern vorzeigen können.

Das Ökosystem entscheidet

Composable oder Monolith ist am Ende keine Frage der Technik. Es ist eine Frage danach, wie Ihr digitales Ökosystem aussehen soll. Wie komplex ist es? Wie schnell muss es sich verändern? Wie viel Unabhängigkeit brauchen Sie wirklich?

Ein gut geordnetes Ökosystem ist kein Selbstzweck. Es ist die Bedingung dafür, dass Technologie wieder das wird, was sie sein soll. Ein Treiber, kein Bremsklotz.

Wie beweglich ist Ihre Plattform heute? Und an welcher Stelle spüren Sie ihre Grenzen?

FAQ

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