11. Juni 2026

Spenden, Systeme und die große Frage dahinter

Was der Fundraising Kongress 2026 über den Zustand der Zivilgesellschaft verrät

KI im Fundraising, digitales Wachstum und eine Zivilgesellschaft, die unter politischem Druck steht – der Deutsche Fundraising Kongress 2026 war ungewöhnlich offen in seinen Debatten. Was die drei Tage in Berlin über den Zustand des Sektors verraten – und welche Fragen wir mit nach Hamburg genommen haben.

Foto der Besuchenden beim Fundraising Kongress 2025, Foto Credit: Jan-Niklas Behlen

Einstieg

56 Workshops, sechs Masterclasses, über 800 Menschen unter einem Dach. Es brauchte ein paar Tage, um die Eindrücke zu sortieren. Das bedeutendste Branchentreffen im deutschsprachigen Raum war in diesem Jahr dicht – inhaltlich und atmosphärisch. Was zwischen den Sessions in den Gesprächen auf den Fluren passierte, war mindestens genauso aufschlussreich wie das Programm selbst.

Fördermittelkürzungen, politische Unsicherheit, eine Basis aus Spender*innen, die jünger und digitaler, aber gleichzeitig anspruchsvoller wird: Der Kongress hat diese Spannungen nicht ausgeblendet, sondern ins Zentrum gestellt. Eine These zog sich dabei durch fast alle Räume: Die Frage, wie eine NGO Spenden sammelt, ist immer auch eine Frage, wie gut sie ihre digitale Infrastruktur im Griff hat.

Drei Spannungsfelder, die den Kongress prägten

1. KI im Fundraising: Hype oder echtes Werkzeug?

Gleich zwei Sessions am Montag befassten sich mit KI – eine davon mit dem expliziten Anspruch, den tatsächlichen Stand zu vermessen: „Neue Fachgruppe, erste Daten: Wo steht KI im Fundraising wirklich?“ Der Tenor war weniger euphorisch als erwartet, aber produktiver. Die Werkzeuge sind da. Was vielerorts fehlt, ist die Struktur – saubere Datenmodelle, definierte Prozesse, interne Kompetenz.

Gleichzeitig adressierte eine Session am Mittwoch ein Thema, das im NGO-Kontext bislang kaum diskutiert wird: Sichtbarkeit in KI-Suche. Wer nicht in den Antworten von ChatGPT, Gemini & Co. auftaucht, verliert Reichweite – auch bei potenziellen Spender*innen. AEO und GEO, also Answer Engine Optimization und Generative Engine Optimization, sind keine Nischenthemen mehr.

2. Digitale Skalierung: Warum nur wenige NGOs es wirklich schaffen

Sjoerd Reijnen, Mitgründer der niederländischen Fundraising-Agentur Jalt, die für Organisationen wie Amnesty International und Greenpeace digitale Spendenkampagnen entwickelt, stellte eine Frage, die unangenehm präzise ist: „Why only a few NGOs scale digital donor growth and what they do differently.“ 

Seine Antwort deckt sich mit dem, was wir in der Praxis immer wieder beobachten: Digitales Fundraising-Wachstum ist kein Kanal-Problem. Es ist ein System-Problem. Organisationen, die skalieren, behandeln ihre Infrastruktur als Plattform – nicht als Ansammlung von Tools.

3. Zivilgesellschaft unter Druck: Haltung als Fundraising-Strategie

Das politisch am meisten aufgeladene Panel war die Big Session am Dienstagnachmittag: „Wer erzählt die Geschichte? Der komplexe Diskurs zwischen NGOs, Politik und Medien“ – moderiert von Moritz Müller-Wirth (DIE ZEIT) und mit Kevin Kühnert, ehemaliger SPD-Generalsekretär und heutiger Lobbyist bei der Bürgerbewegung Finanzwende, sowie Marina Weisband, Psychologin, ehemalige Politische Geschäftsführerin der Piratenpartei und heute Geschäftsführerin der aula gGmbH, auf dem Podium.

Die Stimmung im Saal war konzentriert, nicht defensiv. Die Community begegnet dem wachsenden Druck auf NGOs nicht mit Rückzug, sondern mit einer klaren Gegenthese: Haltung ist kein Risiko. Sie ist ein Differenzierungsmerkmal. Der Diskurs ist unordentlicher geworden. Aber er findet statt – und das ist mehr wert als der Schein der Harmonie.

Was das alles mit digitaler Infrastruktur zu tun hat

Die drei Spannungsfelder des Kongresses – KI-Nutzung, digitale Skalierung, gesellschaftliche Relevanz – klingen zunächst wie separate Themen. Sie sind es nicht. Sie hängen an derselben Grundfrage: Ist die digitale Infrastruktur einer Organisation gut genug, um ihre Mission zu tragen?

Eine NGO, die KI sinnvoll einsetzen will, braucht saubere Datenstrukturen. Eine NGO, die digital skalieren will, braucht eine Plattform, die Wachstum strukturell unterstützt. Und eine NGO, die mit Haltung und Glaubwürdigkeit kommuniziert, braucht eine digitale Präsenz, die diese Glaubwürdigkeit auch technisch einlöst: schnell, barrierefrei, datenschutzkonform, verlässlich.

Fundraising ist das Ergebnis von Vertrauen. Digitale Infrastruktur ist die Grundlage, auf der dieses Vertrauen im Netz entsteht – oder nicht.

Volkan Jacobsen, Managing Partner Factorial

Was wir aus unserer Arbeit mit NGOs kennen: Der Wunsch nach Wirkung ist immer vorhanden. Was fehlt, ist selten der Wille, sondern die technische Basis, die diesen Willen in stabile, skalierbare Prozesse übersetzt. Der Kongress hat das bestätigt. Die Frage ist nicht mehr ob – sondern wie.

Was wir aus Berlin mitnehmen

Ein Thema zog sich durch fast jeden Raum: Kooperation statt Konkurrenz. Man konkurriert um bessere Ideen – und begegnet sich trotzdem mit Respekt und Offenheit. Was überraschte, war die Offenheit vieler Beiträge: weniger Konsens-Rhetorik, mehr ehrliche Diagnose.

Was wir mitgenommen haben: den Eindruck, dass der gemeinnützige Sektor an einem echten Wendepunkt steht. Die Werkzeuge sind da. Das Bewusstsein wächst. Was jetzt zählt, ist der Aufbau der Strukturen, die beides zusammenbringen.

Der Deutsche Fundraising Kongress ist kein Ort, an dem Lösungen verkündet werden. Er ist ein Ort, an dem eine Branche laut denkt – über Technologie, über Haltung, über die Frage, welche Rolle gemeinnützige Organisationen in einer Gesellschaft spielen sollen, die gerade vieles in Frage stellt.

Was braucht Ihre Organisation, um in den nächsten zwei Jahren digital zu wachsen – und was hält sie davon ab? Lassen Sie uns in einem kurzen Gespräch ergründen, was für Sie die nächsten wichtigen Schritte sind, um Ihr digitales Ökosystem zu konzipieren.

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